Leseproben

  • Vor dem Eingang des Table des Marchand

    Neunutzung im Neolithikum

    Mit der Errichtung des mehr als 70 Meter langen und an eine Stufenpyramide erinnernden Cains von Barnenez, als ältestes bekanntes Bauwerk dieser Art in der nördlichen Bretagne, begann um 4700 v. Chr. die europäische Megalith-Epoche. Früh schon wurden die gewaltigen Menhir-Kolonnen, die Alignements, erbaut. Aufrechte Steinpfeiler wurden in Reihen angeordnet, die in ihren extremen Ausprägungen in dem Ort Carnac mit den Steinreihen von Le Menec, Kermario und Kerlescan eine Gesamtausdehnung von fast vier Kilometern erreichen.
    Auch außerhalb der direkten Umgebung von Carnac, bis hin zum Golf von Morbihan, dem „kleinen Meer“, das aus dem Atlantik gespeist wird, will dieser Gigantismus nicht enden.

    Krummstäbe auf dem abschließenden Tragstein des Table des Marchand
    Krummstäbe auf dem abschließenden Tragstein des Table des Marchand

    Am Rande des Fischerortes Locmariaquer stehen gleich mehrere solche Denkmäler dicht beieinander. Auf einem gemeinsamen Gelände finden sich hier der Tumulus von Er Grah, der Table des Marchand und der Grand Menhir Brisé (oft kurz als Grand Menhir bezeichnet)
    Der Grand Menhir Brisé (dt. der große Menhir) ist vermutlich der größte Menhir, der je errichtet wurde. Aufgestellt wurde er um 4500 v. Chr. Mit ehemals insgesamt 20,60 Meter Höhe und einem Gewicht von satten 350 Tonnen liegt er heute in vier Stücke zerbrochen am Boden. Wie es dazu kam, ist seit langem Gegenstand verschiedener Spekulationen. Blitzschlag oder ein Erdbeben wurden angenommen. Bruno Kremer glaubte gar, der Menhir hätte von Beginn an aus diesen vier Einzelstücken, die übereinander getürmt worden, bestanden. Zu erkennen glaubte er das anhand vermeintlich geglätteter Bruchkanten. Jacques Briard weist auf den Umstand hin, dass das Kopfstück verdreht liegt, was dann äußerst ungewöhnlich sei, wenn der Menhir durch natürliche Ursachen umgestürzt wäre.

    Wir werden auf diese Fragestellung noch zurückkommen, doch muss zuvor der Table des Marchand in den Mittelpunkt rücken. Bei diesem Bauwerk handelt es sich um ein Ganggrab von 10,40 Meter Länge, aus der Zeit um 3900 v. Chr. bis 3700 v. Chr., bestehend aus gewaltigen Steinplatten (mit bis zu 40 Tonnen Gewicht) und von einem Hügel aus Trockenmauerwerk und Rollsteinen umgeben ist, der jedoch eine Rekonstruktion durch die Archäologen darstellt.

    Spektakulär an diesem Megalithgrab sind Ritzzeichnungen an den Seitenwänden und der großen Deckplatte. Der tragende Orthostat (Tragstein) ist mit einer Reihe von Krummstäben verziert, während der Deckstein eine Hacke zeigt.

     

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  • Bronzezeitlicher Schalenstein aus dem Silkeburg-Museum in Dänemark

    Schalensteine

    Mit dem Ende des Neolithikum endete auch in weiten Teilen Kontinentaleuropas die klassische Megalith-Epoche. Aus gewaltigen Dolmen wurden kleinere Steinkistengräber und Einzelbestattungen. Der Wunsch, Höhlen für die Ewigkeit zu schaffen, ging zurück. Trotzdem kam es immer wieder zu Nachbestattungen in alten Megalithgräbern. Und manchmal wurden über den alten Hügelgräbern noch neue Hügel aufgeschüttet, in diesen zusätzlich verborgen, oft Baumsargbestattungen.
    Doch ein weiteres Phänomen scheint davon zu zeugen, dass der Glaube an die magische Kraft, die man den alten Gräbern zusprach, noch nicht erloschen war: das Phänomen der Schalensteine.

    Schalenstein mit Schiffsdarstellung in der Gutskirche von Kirke Såby in Dänemark.
    Schalenstein mit Schiffsdarstellung in der Gutskirche von Kirke Såby in Dänemark.

    Schalensteinen sind Steine, in die künstlich kleine Vertiefungen in Naturstein eingelassen wurden. Oft findet man derartige Schälchen auf den Decksteinen von Megalithgräbern. Ihre genaue Funktion ist bis heute unbekannt.

    Möglicherweise wurde in ihnen Flüssigkeit von Opfern, vielleicht sogar Blut oder warme Butter aufgefangen. Im Fall des Schalensteins von Bunsoh hat ein Vermessungsingenieur gar die These vertreten, es handele sich um eine Flur- und Sternenkarte. Möglicherweise ging es jedoch auch weniger um die Schalengruben selbst, das Interesse galt dem bei ihrer Herstellung entstehenden Gesteinsmehl. Denn noch vom Mittelalter bis hinein in die Neuzeit wurde Gesteinsmehl aus Schalensteinen herausgekratzt und fand Verwendung als Medizin und sollte gegen Unfruchtbarkeit helfen.
    In Dänemark und Schleswig-Holstein wurden bis in das vorige Jahrhundert hinein überdies Krankheiten in die Schälchen „hineingepustet“, was für Gisela Graichen auf die geglaubte heilsame Wirkung des Gesteinsmehls zurückgehen könnte.

    Dies ist nicht nur mit eine weitere spätere Nutzung von Megalithbauwerken, sondern stellt obendrein eine weitere Verbindung mit Fruchtbarkeitsriten unbekannter Genese dar.

     

     

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  • Menhir als Grabstein auf dem Friedhof von Locmariaquer in der Bretagne

    Christianisierte Megalithen

    Der Gollenstein mit seiner vermutlich christlich motivierten Nische und dem Autor als Maßstab
    Der Gollenstein mit seiner vermutlich christlich motivierten Nische und dem Autor als Maßstab

    Der Grabstein christlicher Tradition hat augenscheinliche Ähnlichkeit mit prähistorischen Steinsetzungen, die zum Teil möglicherweise ähnlichen Zwecken dienten. Spannend wird es dann, wenn ebensolche prähistorischen Steinsetzungen versehen mit christlicher Symbolik als Grabsteine auf christlichen Friedhöfen Verwendung finden. Ein schönes Beispiel für einen solchen Fall steht auf dem schon behandelten Örtchen Locmariaquer in der französischen Bretagne. Auf dem örtlichen Friedhof sticht ein offensichtlich neolithischer Menhir hervor, der versehen mit dem Bildnis des gekreuzigten Christus jetzt als Grabstein dient. Dieser Menhir, so wird heute angenommen, war dereinst womöglich Bestandteil der verschwundenen Steinreihe zwischen dem Grand Menhir Brisé und dem Table des Marchand.
    Derartiges ist in der Bretagne keine Seltenheit.

    (…)

    Der mit gut sieben Meter Höhe größte Menhir Deutschlands ist der Gollenstein in Saarland. Er trägt eine eingemeißelte Nische, deren Zweck es vermutlich war, hier ein Heiligenbild zu platzieren. Der Gollenstein wurde 1939 von der Wehrmacht umgelegt, um den Alliierten keine Orientierungshilfe zu geben. Dabei zerbrach er, wurde aber bereits 1951 wieder zusammengefügt und aufgerichtet.

    Bekannt ist auch, dass in der Zeit der Christianisierung gerne Kirchen an und auf ehemaligen Kultplätzen errichtet wurden. In einigen Fällen wurden sogar Megalithen als Baumaterial für die Errichtung christlicher Gotteshäuser verwendet.
    Ein schönes Beispiel hierfür liegt direkt an der Schlei in Schleswig-Holstein, in dem kleinen Örtchen Brodersby. In der romanischen Feldsteinkirche wurden offensichtlich Megalithen verbaut, wie sich schön in der Kapelle erkennen lässt. Hier lugt ein Schalenstein aus der Wand, der ehemals sicherlich Bestandteil eines Megalithgrabes war.

    Dieses Beispiel stellt dabei keine seltene Ausnahme dar, sondern ist nur eines von vielen. Eine vollständige Erfassung wäre sicherlich reizvoll, ist jedoch kaum zu leisten und so sollen hier noch ein paar weitere Beispiele von in Kirchen verbauten Schalensteinen aus Schleswig-Holstein angeführt werden.

    In Burg auf der Ostseeinsel Fehmarn wurde in der Friedhofsmauer der St.-Nicolai-Kirche ein Schalenstein mit 25 Schälen verbaut, in der St.-Nicolai-Kirche in Grömitz an der Ostsee findet sich ein solcher mit 36 Schälen im Mauerwerk und im Grömitzer Kloster Cismar fand sich ebenfalls ein Schalenstein mit 66 Schälchen und auch in die Kirchhofsmauer in Tolk ist ein Schalenstein mit 28 Schälchen eingefasst.

    Teufelsbackofen im Everstorfer Forst
    Teufelsbackofen im Everstorfer Forst

    Spannend ist hier das höchst ambivalente Verhältnis zwischen den alten heidnischen Kultplätzen, dem Volksglauben und der Kirche. Immer wieder gibt es hier Hinweise auf Weiterverwendung und kultische Handlungen bis in moderne Zeiten, gleichzeitig wurden die Steindenkmäler aus dunkler Vorzeit auch im wahrsten Sinne verteufelt. Hiervon zeugen nicht zuletzt auch die Namen, die einigen megalithischen Anlagen zugedacht wurden.
    Im Everstorfer Forst in Mecklenburg-Vorpommern liegen gleich zwei größere Ansammlungen megalithischer Bauwerke auf engem Raum. Langbetten, Ganggräber und Dolmen findet man hier in großer Menge im Wald.

    Ein sehr beeindruckender Dolmen im Everstorfer Forst trägt den volkstümlichen Namen „Teufelsbackofen“. Noch von einem Steinkreis umgeben, der ehemals sicherlich den umgebenen Hügel einfasste, trägt das Grab zwei große Decksteine, von denen der Vordere mit einigen Schälchen bedeckt ist. Und offenbar erweckte diese Steinkammer die Vorstellung, der Teufel könne ihn als Backofen genutzt haben und drückt aus, dass er in Opposition zum Werk Gottes steht. Ein solches Motiv wird oft mit Riesen in Zusammenhang gebracht, die sagenhaften Vorgänger der Teufel.

     

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  • Der Brutkampstein in Albersdorf in Dithmarschen, Schleswig-Holstein

    Volksglaube und Brauchtum

    Volkstümliche Erzählungen sind also durchaus wichtige Anhaltspunkte für den Volksglauben zu der Zeit, in der sie einander erzählt wurden.
    Sagen, Legenden und Brauchtum können wohl noch am ehesten eine verblassende Erinnerung an den ursprünglichen Glauben hinter den Megalithbauwerken des Neolithikums liefern. Landläufig gilt als sicher, dass hinter der Megalith-Idee ein Fruchtbarkeitsglauben rund um die Magna Mater als große Urmutter, als Mutter Erde, steckt. Als Glaube einer bäuerlichen Gesellschaft an das Werden und Vergehen in der Natur, das aus der Erde gespeist wird. Gleichzeitig bleibt diese Deutung natürlich hoch spekulativ.

    Immer wieder finden sich in den Sagen und im traditionellen Brauchtum Hinweise auf Opferriten und auf Fruchtbarkeitskulte rund um die großen Steine.
    In Schweden ist es noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts Brauch gewesen, in die Schälchen von Schalensteinen kleine Opfer für die Unterirdischen, kleinen, zwergenartigen Naturgeistern aus der nordeuropäischen Folklore, zu legen. Die Unterirdischen sind mit den Elben gleichzusetzen und so werden die Schalensteine in Schweden auch Elfstenar, also Elfensteine, genannt und in der volkstümlichen Vorstellung waren die Großsteinbauten deren Wohnungen. In den Schälchen würden die Elfen ihr Mehl ausmalen, so glaubte man. Das Einreiben der Schälchen mit Fett und das Hinterlassen von kleinen Geschenken sollten vor der Rache der Elben schützen, ebenso wie vor schlimmen Krankheiten.

     

    Der Brutkampstein in Albersdorf in Dithmarschen, Schleswig-Holstein
    Der Brutkampstein in Albersdorf in Dithmarschen, Schleswig-Holstein

     

    Vom „Breiten Stein“ oder „Brautstein“ in Virchow heißt es, junge Eheleute sollen sich bei Neumond an dem Dolmen einfinden, damit ihr Kinderwunsch erfüllt wird. Es heißt auch, unter dem Dolmen leben die Unterirdischen. Unfruchtbare Frauen schluckten noch 1789 Steinpulver des Dolmens in Nohant-Vic.
    Das Steinerutschen kann aber auch als Liebeszauber fungieren. Mit hochgezogenem Rock den Deckstein des Dolmens Pierre Chaudein Carnac hinabzurutschen, versprach ledigen Frauen ebenso einen Mann wie das Hinabrutschen von einem Menhir in Crozon, ebenfalls ins der Bretagne.
    Im 20. Jahrhundert soll eine bretonische Bäuerin berichtet haben, sie habe eine Wallfahrt zu einem Menhir auf St. Cado unternommen und noch im gleichen Jahr einen kräftigen Sohn zur Welt gebracht.

     

    Das Riesenbett von Karlsminde
    Das Riesenbett von Karlsminde

     

    In der Vorstellungswelt unserer Vorfahren bewohnten sie (Vertreter des kleinen Volkes) Feld und Flur, Wald und Haus, Berg und Höhle. Wenn Megalithgräber vorhanden waren, dann waren dies die bevorzugten Wohnplätze dieser Wesen.

    Klar ist, dass es sich bei dem Glauben an „das kleine Volk“ um einen höchst heidnischen Glauben handelt. Zwar gibt es auch immer wieder Sagen, in denen berichtet wird, die kleinen Männlein hätten bei dem Bau von Kirchen geholfen, so gehören sie aus christlicher Perspektive doch zu den Dämonen, die nicht mit Gott im Bunde sein können. Der Kulturanthropologe Felix Karlinger führt ambivalent erschienenen Charakterisierung von Zauber und zauberhaften Wesen im Volksglauben aus:

    Heidnisches vermischt sich hier mit Christlichem. (…) Die Volkserzählungen über den Auszug der Zwerge sind nur ökotypische Ausformung einer Glaubensvorstellung: Der Mensch ist nicht der alleinige Eigentümer der Erde; selbst wenn er ein Stück Land zivilisiert hat, lauern ihm die Erdgeister auf, die in den Texten oft als Teufel oder Dämonen vorgestellt werden, Namen die Sammelbegriffe und schwer durchschaubar sind.

    Die großen Sloopsteene bei Westerkappeln
    Die großen Sloopsteene bei Westerkappeln

    Der Spellenstein im Saarland ist wurde bereits in Bezug auf seine Riesensagen angesprochen. Eine weitere, sehr skurrile Sage zu ihm berichtet, dass unter dem Stein eine Henne mit sieben Küken hausen soll. Ein Mensch nun, der mit dem Kopf gegen den Stein gestoßen wird, würde dann ein wundersames Glucksen vernehmen. Das Hühnerpiepsen im Menhir ist, Ulrich Magin weist darauf hin, auch von „Langen Stein“ bei Esthal in Rheinland-Pfalz bekannt. Die lokale Bezeichnung „Hinkelstein“ ist vielleicht eine volksetymologische Umdeutung von Hünenstein zu „Hühnerstein“
    Ein weiteres Phänomen, das im Kontext von Großsteingräbern beobachtet werden kann, ist eine geschlossene Auslegung kleinerer Findlinge, die die Grabkammer kreisförmig umschließen. Mit großer Wahrscheinlichkeit handelt es sich hierbei um die Einfriedung des ehemaligen Grabhügels.
    Ein schönes Beispiel für einen solchen Steinkreis ist der (umgesetzte) Dolmen Pennebusch in Malente in Schleswig-Holstein.
    In der populären Megalith-Literatur wird bei derartigen Kreisen zuweilen auch von Bannkreisen gesprochen.

    Der umgesetzte Dolmen Pennebusch in Malente mit ihn umgebenem Steinkreis.
    Der umgesetzte Dolmen Pennebusch in Malente mit ihn umgebenem Steinkreis.

    Ob die Idee des Bannkreises aber die der Erbauer oder eine volkstümliche Vorstellung war, muss in Anbetracht der geringen Quellenlage offen bleiben.
    Bannkreise sind ein weiteres Bindeglied in der Motivlage rund um Brauchtum an megalithischen Denkmälern. Nicht nur Fruchtbarkeitsbräuche wie das Steinerutschen sind mit den Megalithen assoziiert, sondern auch Hochzeitsbräuche. Dies geht schon aus den Namen viele Megalithdenkmäler hervor, in Bordesholm in Schleswig-Holstein liegt der Brautberg, den früher Hochzeitsgesellschaften umkreisten, um sich von ihren Ahnen zu verabschieden.

     

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  • Der Galgenberg, ein in der NS-Zeit zum „Germanengrab“ umbenannter bronzezeitlicher Grabhügel in Itzehoe

    Megalithen im Nationalsozialismus

    1933 bis 1945 wurde Deutschland von einem Regime regiert, das Terror und Schrecken über Europa brachte und die Welt in den zweiten großen Krieg stürzte. Die Nationalsozialisten rund um ihren Führer Adolf Hitler vertraten hierbei als weltanschaulichen Unterbau, der ihren Taten als Rechtfertigung diente, eine krude Mischung aus hanebüchener Rassenlehre, Geschichtsverklärung und in Teilen einen Hauch von Okkultismus, Esoterik und Verschwörungsglauben.
    In diesen großen Rassenkampf, jener der nordischen Arier gegen die Semiten, wurden auch „der Germane“ und seine Vergangenheit verklärt und die Historie der nordeuropäischen Völker zu ruhmreichen Heldenzeiten umgedeutet.

    Auch die Megalithen wurden natürlich mit einbezogen! Beeindruckend sind exemplarisch die geradezu absurd hanebüchenen Ideen des 1881 geborenen Architekten Hermann Wille. Protegiert von einigen NS-Größen, glaubte Wille, die Großsteingräber des Oldenburger Raums seien im Grunde nur die Fundamente ehemaliger Hallenbauten, die für kultische Zwecke genutzt worden seien. Die Erbauer dieser megalithischen Hallen seien jungsteinzeitliche Germanen gewesen und ihre Bauwerke waren die Vorläufer der griechischen Tempel und gotischen Kathedralen.

    (…)

    Die Idee, die nordischen Vorfahren seien die Kulturbringer für die Völker im Süden gewesen, wie zum Beispiel Hermann Wille es auch propagierte, wenn er etwa annimmt, sich in Griechenland und Italien ansiedelnde Germanen hätten deren Kulturen erst zur vollen Blüte gebracht, bis diese durch Rassenvermischung wieder zerfiel , vermag sich hierbei nicht so recht aufzudrängen. Schließlich soll selbst Hitler in privaten Tischgesprächen geäußert haben, dass er sich in Anbetracht der Erdhaufen in unseren Landen, verglichen mit den architektonischen Bauleistungen etwa der Römer, schämen würde. Bezogen auf die durch Heinrich Himmler initiierten Grabungen soll er geäußert haben:

    Warum stoßen wir die ganze Welt darauf, daß wir keine Vergangenheit haben? Nicht genug, daß die Römer schon große Bauten errichteten, als unsere Vorfahren noch in Lehmhütten hausten, fängt Himmler nun an, diese Lehmdörfer auszugraben und gerät in Begeisterung über jeden Tonscherben und jede Steinaxt, die er findet.

    Die Antwort auf diese offensichtliche kulturelle Diskrepanz konnte für die Nationalsozialisten und auch neue Rechte nur lauten, dass die Germanen in Wahrheit die Kulturbringer waren, die unter den Völkern im Süden die Zivilisation verbreiteten.

    Riesenbett im Kleckerwald, von dem völkischen Privatforscher Hermann Wille als Fundament eines germanischen Hallenbaus gedeutet
    Riesenbett im Kleckerwald, von dem völkischen Privatforscher Hermann Wille als Fundament eines germanischen Hallenbaus gedeutet

    Der Nazi-Ideologe und SS-Führer Heinrich Himmler selbst war es, der Verklärungen rund um die „germanische Vergangenheit“ Vorschub leistete und vielen hanebüchenen Ideen von Laienforschern Unterstützung zuteilwerden ließ. So gründete er gemeinsam mit Hermann Wirth, einem solchen Laienforscher, der an eine arische Urheiheimat auf Atlantis glaubte, im Juli 1935 die „Studiengesellschaft für Geistesurgeschichte Deutsches Ahnenerbe e. V.“, über die viele derartige „Forschungen“ finanziert wurden, die den Unmut der Fachwissenschaftler erregten. Hitler selbst zeigte sich hiervon nicht begeistert und 1937 kam es zu einer Umstrukturierung des Ahnenerbes, bei der die Laienforscher weitgehend durch Fachwissenschaftler ersetzt wurden.

    (…)

    Natürlich ist jede nationalsozialistische und völkische Vereinnahmung prähistorischer Denkmäler Unsinn. Weder lassen sich rassistische Abstammungstheorien mit diesen beweisen, im Gegenteil, zeugen kulturelle Veränderungen doch immer auch von Ein- und Abwanderung verschiedener Volksgruppen, noch deuten die steinernen Monumente Nord- und Mitteleuropas auf eine Ur-Kultur hin. Die Monumente im Westen, Süden und Osten sind oft um ein Vielfaches älter. Anders ausgedrückt, entgegen der Annahme, die „nordische Rasse“ sei die überlegene gewesen, erweisen sich die Ursprünge der Kultur als aus den westlichen, südlichen und östlichen Regionen kommend.

     

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  • Stonehenge in Südengland. Nur aus einer bestimmten Perspektive heraus lässt sich heute noch die sakrale Atmosphäre dieses Ortes erahnen

    Kultische Nutzung heute

    Neuheidentum, Wicca-Kult und New Age sind verschiedene Bewegungen, die sich heutzutage an alten Glaubensrichtungen orientieren und diese als eigentümliche moderne Religionen und esoterische Spielereien ausleben. Megalithische Bauwerke haben es diesen Bewegungen besonders angetan.
    Bereits vor mehr als zwanzig Jahren wurde ich indirekt damit konfrontiert. Ich war in Schleswig-Holstein unterwegs, um Großsteingräber zu besichtigen und kam dann in der Dämmerung zum Gut Sophienhof. Seinerzeit gab es noch keine Handynavigation, doch ich wusste von einem Großsteingrab hier. Also ging ich direkt zum Hof, um nachzufragen. Es wurde gerade ein Fest veranstaltet und die Gutsbesitzerin lud mich freundlich ein, diesem beizuwohnen. Als ich nach der Besichtigung des Megalithgrabes fragte, wurde sie stutzig und fragte, weshalb ich dies tun wolle (zumal es ja bereits dunkel wurde). Sie erzählte dann davon, dass hier des Nachts häufiger Aktivitäten am Dolmen stattfinden würden, die sie als „schwarze Messen“ bezeichnete und natürlich nicht gutheißen wolle.
    Ich verweilte noch ein wenig auf der Hoffeier und entschied mich, an einem anderen Tag wiederzukommen.

     

    Der Dolmen vom Gut Sophienhof bei Tag
    Der Dolmen vom Gut Sophienhof bei Tag

    Die mystische Atmosphäre, die Stonehenge einst umgeben haben muss, ist inzwischen gewichen. Bus für Bus werden heute täglich Tausende von Besucherinnen und Besucher herangekarrt und in weitem Abstand um das altehrwürdige Monument herum geschleust. Und auf den Wiesen drum herum sieht man sie dann sitzen. Neureligiöse EsoterikerInnen, gerne geschmückt mit Blumen und alten Gewändern, oft auch bewaffnet mit einer Gitarre, sitzen sie im Kreis zusammen, halten sich bei den Händen und singen gemeinsam. Viele dieser Menschen sehen sich als Erben der Druiden. Die falsche Vorstellung, Stonehenge wäre ein keltisches Bauwerk, stammt hierbei von Gelehrten des Mittelalters, ohne ein entsprechendes Sagengut in der lokalen Bevölkerung.

    Besonders zur Sommersonnenwende am 21. Juni eines jeden Jahres, werden Stonehenge und weitere Megalithanlagen in Wiltshire Anlaufpunkt für Tausende von Neu-Kelten, Esoterikern und New-Age-Anhängern, die neben Trommeln und Gitarren oftmals auch berauschende Pflanzen mit sich führen und konsumieren. Bei einem Besuch der Region an diesem Tag im Jahr 2023, konnte der Verfasser das Spektakel live mitverfolgen. Im Rahmen dieses bunten Treibens kam es auch zu Opferniederlegungen an den Megalithen. Besonders bunt geschmückt wurde der West Kennet Long Barrow, ein etwa hundert Meter langer, trapezoider Hügel, in dessen Inneren ein beachtliches Megalithgrab schlummert.

    Sicherlich ist dies jedoch nur ein Abklatsch der alten Rituale, die hier jahrhundertelang abgehalten wurden.

     

    Eisenzeitlicher Steinkreis „Rote Maaß“ bei Damp in Schleswig-Holstein
    Eisenzeitlicher Steinkreis „Rote Maaß“ bei Damp in Schleswig-Holstein

    Besonders ausgeprägt scheinen derartige kultische Feiern bei der Roten Maaß nahe dem Gut Damp in Schleswig-Holstein zu sein. Entlegen in einem kleinen Waldstück zwischen den Feldern, befindet sich hier ein erst in den 1960er Jahren entdeckte Steinkreis. 1964 getätigte Grabungen weisen darauf hin, dass es sich um einen Kultplatz aus der nachchristlichen Eisenzeit zwischen dem 2. und dem 4. Jahrhundert nach Christus handelt.

    An den Steinkreis schließen sich eine Reihe rechteckiger Steinsetzungen an. Innerhalb wie außerhalb des Steinkreises fanden sich insgesamt 15 Urnenbestattungen.
    Was die Rote Maaß in unserem Kontext interessant macht, ist die Tatsache, dass man bei Besuchen immer wieder die Reste ausgeprägter kultischer Aktivitäten findet, wie an folgendem Foto illustriert werden soll.

    Derartige Beobachtungen lassen sich immer wieder machen. Bei einem Besuch der „Dolmengöttin von Langeneichstädt“ im September 2024, lagen Muscheln und in diesen Münzen zu Füßen des Menhirs.
    Ein etwa 1,60 Meter aus dem Boden ragender Menhir in Krkavče in Slowenien weißt interessante Reliefs von menschlichen Gestalten auf, die von Strahlen umgeben sind. Auch hier fanden sich bei einem Besuch im Oktober 2024 Spuren ritueller Handlungen in Form von Teelichtern.
    Die Münze in einem der runden Löcher um die Nische des Fraubillenkreuzes, die der Verfasser bei seinem Besuch am Karfreitag 2023 entdeckte, ist womöglich sogar als christliche Opfergabe zu verstehen.

    Muscheln und Münzen zu Füßen der Dolmengöttin von Langeneichstädt
    Muscheln und Münzen zu Füßen der Dolmengöttin von Langeneichstädt

    Die Koordinaten der im Buch beschriebenen Megalithen

     

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