Christianisierte Megalithen

  • Menhir als Grabstein auf dem Friedhof von Locmariaquer in der Bretagne

    Christianisierte Megalithen

    Der Gollenstein mit seiner vermutlich christlich motivierten Nische und dem Autor als Maßstab
    Der Gollenstein mit seiner vermutlich christlich motivierten Nische und dem Autor als Maßstab

    Der Grabstein christlicher Tradition hat augenscheinliche Ähnlichkeit mit prähistorischen Steinsetzungen, die zum Teil möglicherweise ähnlichen Zwecken dienten. Spannend wird es dann, wenn ebensolche prähistorischen Steinsetzungen versehen mit christlicher Symbolik als Grabsteine auf christlichen Friedhöfen Verwendung finden. Ein schönes Beispiel für einen solchen Fall steht auf dem schon behandelten Örtchen Locmariaquer in der französischen Bretagne. Auf dem örtlichen Friedhof sticht ein offensichtlich neolithischer Menhir hervor, der versehen mit dem Bildnis des gekreuzigten Christus jetzt als Grabstein dient. Dieser Menhir, so wird heute angenommen, war dereinst womöglich Bestandteil der verschwundenen Steinreihe zwischen dem Grand Menhir Brisé und dem Table des Marchand.
    Derartiges ist in der Bretagne keine Seltenheit.

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    Der mit gut sieben Meter Höhe größte Menhir Deutschlands ist der Gollenstein in Saarland. Er trägt eine eingemeißelte Nische, deren Zweck es vermutlich war, hier ein Heiligenbild zu platzieren. Der Gollenstein wurde 1939 von der Wehrmacht umgelegt, um den Alliierten keine Orientierungshilfe zu geben. Dabei zerbrach er, wurde aber bereits 1951 wieder zusammengefügt und aufgerichtet.

    Bekannt ist auch, dass in der Zeit der Christianisierung gerne Kirchen an und auf ehemaligen Kultplätzen errichtet wurden. In einigen Fällen wurden sogar Megalithen als Baumaterial für die Errichtung christlicher Gotteshäuser verwendet.
    Ein schönes Beispiel hierfür liegt direkt an der Schlei in Schleswig-Holstein, in dem kleinen Örtchen Brodersby. In der romanischen Feldsteinkirche wurden offensichtlich Megalithen verbaut, wie sich schön in der Kapelle erkennen lässt. Hier lugt ein Schalenstein aus der Wand, der ehemals sicherlich Bestandteil eines Megalithgrabes war.

    Dieses Beispiel stellt dabei keine seltene Ausnahme dar, sondern ist nur eines von vielen. Eine vollständige Erfassung wäre sicherlich reizvoll, ist jedoch kaum zu leisten und so sollen hier noch ein paar weitere Beispiele von in Kirchen verbauten Schalensteinen aus Schleswig-Holstein angeführt werden.

    In Burg auf der Ostseeinsel Fehmarn wurde in der Friedhofsmauer der St.-Nicolai-Kirche ein Schalenstein mit 25 Schälen verbaut, in der St.-Nicolai-Kirche in Grömitz an der Ostsee findet sich ein solcher mit 36 Schälen im Mauerwerk und im Grömitzer Kloster Cismar fand sich ebenfalls ein Schalenstein mit 66 Schälchen und auch in die Kirchhofsmauer in Tolk ist ein Schalenstein mit 28 Schälchen eingefasst.

    Teufelsbackofen im Everstorfer Forst
    Teufelsbackofen im Everstorfer Forst

    Spannend ist hier das höchst ambivalente Verhältnis zwischen den alten heidnischen Kultplätzen, dem Volksglauben und der Kirche. Immer wieder gibt es hier Hinweise auf Weiterverwendung und kultische Handlungen bis in moderne Zeiten, gleichzeitig wurden die Steindenkmäler aus dunkler Vorzeit auch im wahrsten Sinne verteufelt. Hiervon zeugen nicht zuletzt auch die Namen, die einigen megalithischen Anlagen zugedacht wurden.
    Im Everstorfer Forst in Mecklenburg-Vorpommern liegen gleich zwei größere Ansammlungen megalithischer Bauwerke auf engem Raum. Langbetten, Ganggräber und Dolmen findet man hier in großer Menge im Wald.

    Ein sehr beeindruckender Dolmen im Everstorfer Forst trägt den volkstümlichen Namen „Teufelsbackofen“. Noch von einem Steinkreis umgeben, der ehemals sicherlich den umgebenen Hügel einfasste, trägt das Grab zwei große Decksteine, von denen der Vordere mit einigen Schälchen bedeckt ist. Und offenbar erweckte diese Steinkammer die Vorstellung, der Teufel könne ihn als Backofen genutzt haben und drückt aus, dass er in Opposition zum Werk Gottes steht. Ein solches Motiv wird oft mit Riesen in Zusammenhang gebracht, die sagenhaften Vorgänger der Teufel.

     

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