Volksglaube und Brauchtum
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Volksglaube und Brauchtum
Volkstümliche Erzählungen sind also durchaus wichtige Anhaltspunkte für den Volksglauben zu der Zeit, in der sie einander erzählt wurden.
Sagen, Legenden und Brauchtum können wohl noch am ehesten eine verblassende Erinnerung an den ursprünglichen Glauben hinter den Megalithbauwerken des Neolithikums liefern. Landläufig gilt als sicher, dass hinter der Megalith-Idee ein Fruchtbarkeitsglauben rund um die Magna Mater als große Urmutter, als Mutter Erde, steckt. Als Glaube einer bäuerlichen Gesellschaft an das Werden und Vergehen in der Natur, das aus der Erde gespeist wird. Gleichzeitig bleibt diese Deutung natürlich hoch spekulativ.Immer wieder finden sich in den Sagen und im traditionellen Brauchtum Hinweise auf Opferriten und auf Fruchtbarkeitskulte rund um die großen Steine.
In Schweden ist es noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts Brauch gewesen, in die Schälchen von Schalensteinen kleine Opfer für die Unterirdischen, kleinen, zwergenartigen Naturgeistern aus der nordeuropäischen Folklore, zu legen. Die Unterirdischen sind mit den Elben gleichzusetzen und so werden die Schalensteine in Schweden auch Elfstenar, also Elfensteine, genannt und in der volkstümlichen Vorstellung waren die Großsteinbauten deren Wohnungen. In den Schälchen würden die Elfen ihr Mehl ausmalen, so glaubte man. Das Einreiben der Schälchen mit Fett und das Hinterlassen von kleinen Geschenken sollten vor der Rache der Elben schützen, ebenso wie vor schlimmen Krankheiten.Der Brutkampstein in Albersdorf in Dithmarschen, Schleswig-Holstein Vom „Breiten Stein“ oder „Brautstein“ in Virchow heißt es, junge Eheleute sollen sich bei Neumond an dem Dolmen einfinden, damit ihr Kinderwunsch erfüllt wird. Es heißt auch, unter dem Dolmen leben die Unterirdischen. Unfruchtbare Frauen schluckten noch 1789 Steinpulver des Dolmens in Nohant-Vic.
Das Steinerutschen kann aber auch als Liebeszauber fungieren. Mit hochgezogenem Rock den Deckstein des Dolmens Pierre Chaudein Carnac hinabzurutschen, versprach ledigen Frauen ebenso einen Mann wie das Hinabrutschen von einem Menhir in Crozon, ebenfalls ins der Bretagne.
Im 20. Jahrhundert soll eine bretonische Bäuerin berichtet haben, sie habe eine Wallfahrt zu einem Menhir auf St. Cado unternommen und noch im gleichen Jahr einen kräftigen Sohn zur Welt gebracht.Das Riesenbett von Karlsminde In der Vorstellungswelt unserer Vorfahren bewohnten sie (Vertreter des kleinen Volkes) Feld und Flur, Wald und Haus, Berg und Höhle. Wenn Megalithgräber vorhanden waren, dann waren dies die bevorzugten Wohnplätze dieser Wesen.
Klar ist, dass es sich bei dem Glauben an „das kleine Volk“ um einen höchst heidnischen Glauben handelt. Zwar gibt es auch immer wieder Sagen, in denen berichtet wird, die kleinen Männlein hätten bei dem Bau von Kirchen geholfen, so gehören sie aus christlicher Perspektive doch zu den Dämonen, die nicht mit Gott im Bunde sein können. Der Kulturanthropologe Felix Karlinger führt ambivalent erschienenen Charakterisierung von Zauber und zauberhaften Wesen im Volksglauben aus:
Heidnisches vermischt sich hier mit Christlichem. (…) Die Volkserzählungen über den Auszug der Zwerge sind nur ökotypische Ausformung einer Glaubensvorstellung: Der Mensch ist nicht der alleinige Eigentümer der Erde; selbst wenn er ein Stück Land zivilisiert hat, lauern ihm die Erdgeister auf, die in den Texten oft als Teufel oder Dämonen vorgestellt werden, Namen die Sammelbegriffe und schwer durchschaubar sind.
Die großen Sloopsteene bei Westerkappeln Der Spellenstein im Saarland ist wurde bereits in Bezug auf seine Riesensagen angesprochen. Eine weitere, sehr skurrile Sage zu ihm berichtet, dass unter dem Stein eine Henne mit sieben Küken hausen soll. Ein Mensch nun, der mit dem Kopf gegen den Stein gestoßen wird, würde dann ein wundersames Glucksen vernehmen. Das Hühnerpiepsen im Menhir ist, Ulrich Magin weist darauf hin, auch von „Langen Stein“ bei Esthal in Rheinland-Pfalz bekannt. Die lokale Bezeichnung „Hinkelstein“ ist vielleicht eine volksetymologische Umdeutung von Hünenstein zu „Hühnerstein“
Ein weiteres Phänomen, das im Kontext von Großsteingräbern beobachtet werden kann, ist eine geschlossene Auslegung kleinerer Findlinge, die die Grabkammer kreisförmig umschließen. Mit großer Wahrscheinlichkeit handelt es sich hierbei um die Einfriedung des ehemaligen Grabhügels.
Ein schönes Beispiel für einen solchen Steinkreis ist der (umgesetzte) Dolmen Pennebusch in Malente in Schleswig-Holstein.
In der populären Megalith-Literatur wird bei derartigen Kreisen zuweilen auch von Bannkreisen gesprochen.Der umgesetzte Dolmen Pennebusch in Malente mit ihn umgebenem Steinkreis. Ob die Idee des Bannkreises aber die der Erbauer oder eine volkstümliche Vorstellung war, muss in Anbetracht der geringen Quellenlage offen bleiben.
Bannkreise sind ein weiteres Bindeglied in der Motivlage rund um Brauchtum an megalithischen Denkmälern. Nicht nur Fruchtbarkeitsbräuche wie das Steinerutschen sind mit den Megalithen assoziiert, sondern auch Hochzeitsbräuche. Dies geht schon aus den Namen viele Megalithdenkmäler hervor, in Bordesholm in Schleswig-Holstein liegt der Brautberg, den früher Hochzeitsgesellschaften umkreisten, um sich von ihren Ahnen zu verabschieden.